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Das Labor der Historiker

Das Historikerlabor begreift und zeigt Kunst und Wissenschaft als Einheit: Kunst als Wissenschaft, Wissenschaft als Kunst.

 

Das Labor der Historiker und Historikerinnen nutzt die klassischen Methoden der zeithistorischen Forschung, um Stoffe und Figuren für das Dokumentartheater zu generieren – und umgekehrt: die klassischen Formen des Dokumentartheaters werden zum Mittel der angewandten Forschung.

 

Beispiel dafür ist die Dokumentar-Theater-Trilogie „Über die Erfindung und Vernichtung des Untermenschen: Der organisierte Mord an Juden, Slawen, Sinti und Roma durch NS-Deutschland.“

 

Die historiographische Recherche nach Quellen wird zu einer Montage aus Protokollen, Aktennotizen, Briefen, Erinnerungen und eigenen Kommentaren, schließlich zu einem multi-perspektivischen Theaterstück: als fortlaufendes Experiment zwischen Historiker-Darstellern, im Beisein der Zuschauer-Zeugen.

 

Die Historiker treten als Historiker vor ihr Publikum; als Amateure und Profis zugleich. Sie sind keine Schauspieler, gestalten keine Rolle, sie sind Historiker, die auf der Bühne ihre Arbeit zeigen: die über die Arbeit anderer – derzeit die von NS-Tätern. Diese stehen im Zentrum der ersten drei Projekte des Historikerlabors. Die biographische Forschung ist Ausgangspunkt der Beschäftigung, der logische Aufbau der Theaterstücke: an den Konferenztischen sitzen Menschen – in ihrer Funktion als Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt oder als Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD.

 

Jeder Historiker bringt seine Quelle ein – die ihn, seine historische Figur betrifft – und trägt sie vor, und zwar als Historiker, nicht als Nazi, also in kritischer Distanz. Diese Quelle wird mit einer anderen ergänzt, mit einem Kommentar verknüpft. Das geschieht im Verbund mit den übrigen Historikern, im Streben nach Erkenntnis, als offener Prozess, der als solches auch für die Zuschauer sichtbar und nachvollziehbar ist. Die Gruppe der Historiker wird zu einem Theaterensemble und spiegelt gleichzeitig eine Tätergruppe, die arbeitsteilig den Massenmord konzipierte und organisierte.

 

Die Auseinandersetzung mit Geschichte geschieht im Hier und Heute, auf der Bühne, vor den Augen des Publikums. Vergangenes wird vergegenwärtigt, Sachverhalte und Zusammenhänge werden verlebendigt und erfahrbar, das Amalgam aus historischer Analyse und künstlerischer Präsentation wird zum Musterbeispiel für die Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Projekte zur kulturellen Bildung, Vorträge und Filmvorführungen sind integraler Bestandteil des Historikerlabors, das sich mittlerweile als eingetragener und gemeinnütziger Verein konstituierte.

 

Photo: Philipp von Breitenbach