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"Zur Endlösung der Zigeunerfrage" - Ein fiktives Symposium, 16. Dezember 1942

 

Der Zusammenhang von Vorurteil, Wissenschaft und Völkermord an den Sinti und Roma – in europäischer Perspektive.

 

Standen bei der Wannsee-Konferenz und der Hungerplan-Konferenz die NS-Staatssekretäre und die Vertreter der SS im Mittelpunkt der Forschung und Darstellung, sind es diesmal die Wissenschaftler*innen selbst: Anthropologen, Eugeniker, Kriminalbiologen und Feldforscher der Rassenkunde.

 

Mit diesem wissenschaftlich-künstlerischen Projekt vollendet das HISTORIKERLABOR seine Trilogie Die Erfindung und Vernichtung des Untermenschen. Der organisierte Mord an Juden, Slawen, Sinti und Roma durch NS-Deutschland.

 

Lokalen Schwerpunkt bildet Berlin-Dahlem, das „deutsche Oxford“ mit dem Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft) und der Rassenhygienischen Forschungsstelle (Reichsgesundheitsamt). Hier verbanden sich Theorie und Praxis, hier wurden rassenbiologische Gutachten geschrieben, die zu Deportationen ins Konzentrationslager führten, hier wurden Augen von KZ-Häftlingen angefordert, wurde Auschwitz zur verlängerten Laborbank von Dahlem.

 

Nach zwei Konferenzen wählt das HISTORIKERLABOR nun ein Symposium, zudem ein fiktives aus Ausgangspunkt seiner biographischen Forschung und theatralen Umsetzung. Das ermöglicht erstens die Wissenschaftsgeschichte als internationale zu zeigen: Wissenschaftler aus den europäischen Nachbarländern berichten über die eigene biologistische Forschung und Politik, die minderwertiges Leben und geborene Verbrecher kennzeichnet und Parasiten aus dem gesunden Volkskörper ausscheiden will. Zu den Wissenschaftlern gesellen sich zum zweiten sogenannte Praktiker des Massenmords: 1942 hat der Genozid an den Sinti und Roma bereits begonnen, in deutschen und kroatischen Konzentrationslagern, hinter der Ostfront. Drittens bedeutet ein Symposium eine direkte Ansprache ans Publikum, eine direkte Konfrontation – zwangsläufig auch mit der Gegenwart – der vermeintlichen Massen-Armutsmigration und der Nicht-Integrierbarkeit der Tziganes. Letztlich ermöglicht die offene Form des Dokumentartheaters nicht nur die Kommentierung von rassistischem Gedankengut, sondern auch die Einbeziehung der Opferperspektive – die Wiedergabe der Stimmen derer, die zum Verschwinden gebracht werden sollten. Hier setzt das Parallelprojekt zur Kulturellen Bildung an; ein Jugend-Theater-Projekt, das die Gegenrede der Roma ins Stück einbringt.

 

Auch den Abschluss der Trilogie bestimmt der Gleichklang von Kunst und Wissenschaft. Zunächst beschäftigt sich jeweils ein*e Historiker*in mit einer historischen Figur. In einer mehrwöchigen Arbeits- und Probenphase wird dann eine gemeinsame, multi-perspektivische Textfassung entwickelt, welche die Historiker*innen anschließend auch selbst aufführen, als Wissenschaftler*innen von heute, mit dem Blick auf die Wissenschaftler*innen von 1942.

 

Kritiken:

Dr. Susanne Heim:

"Das Historikerlabor hat diesmal keine tatsächlich stattgefundene Konferenz in Szene gesetzt, sondern selbst eine konstruiert. Das Theaterstück besteht aus einer Kollage von Zitaten aus der Feder von Wissenschaftlern, Kriminologen und Polizisten, die sich, jeder auf seine Weise, der „Lösung der Zigeunerfrage“ gewidmet haben.

 

Die Arroganz der Macht, die in diesen Zitaten zum Ausdruck kommt, wird doppelt gebrochen:

Durch gut recherchierte Informationen über den Werdegang eines Zigeunerforschers oder die Folgen einer Polizeiaktion gegen Sinti und Roma und durch die Berichte der Verfolgten. Sie beschreiben anthropologische Vermessungen, soziale Ausgrenzung, das Auseinanderreißen von Familien, Misshandlungen und Massenerschießungen. Ihre Schilderungen und die Arglosigkeit ihrer Sprache lassen erahnen, welche Brutalität hinter dem sterilen Jargon der Zigeunerforscher und Polizeipraktiker steckt. Und welch ungeheure Verbrechen im Namen von Wissenschaft und staatlicher Ordnung an einer Minderheit begangen wurden, die bis heute darum kämpfen muss, dass dieses Unrecht anerkannt wird.


Dem Stück wären noch sehr viel mehr Aufführungen als die wenigen bislang geplanten zu wünschen."

 

Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann:

"Präsentiert werden sehr eindrucksvolle Dokumente unterschiedlicher Couleur (auch mit gegenwartsbezogenen Anspielungen). Die Dramaturgie und das Arrangement dieser Texte, sowie der historischen Kommentare, ist sehr gelungen: von Beginn an ist man emotional und intellektuell involviert, Spannung und Betroffenheit lassen einen bis zum Schluss nicht los. Gut gefallen hat mir außerdem die Mischung der Vortragenden: von Schülern – denen man ansah, wie nahe ihnen das Thema ging – bis hin zu Älteren, über 65jährigen. Eindrucksvoll und mutig, dass sich auch Nachkommen der Opfer wie der Täter am Stück beteiligt haben (wie sich später in der Diskussion herausstellte). Fazit: Ein sehr empfehlenswertes Dokumentartheaterstück."

 

 

Ausgezeichnet mit dem Hans-Frankenthal-Preis 2015 der Stiftung Auschwitz-Komitee

 

 

Fotos: André Wunstorf / Franziska Senkel